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Interview mit Dr. Eva-Marie Braun

von B & P

Homburg„Sich wieder selbstbestimmt fühlen zu können, ist für onkologische Patientinnen oft der wichtigste Aspekt in ihrer Lebenssituation.“

Mittwochs von 8 – 13.30 Uhr beraten die Gynäkologinnen Dr. Eva-Marie Braun und Lena Gabriel in der Klinik für Frauenheilkunde, Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin des Universitätsklinikums des Saarlandes Patientinnen zu den Möglichkeiten integrativer Maßnahmen im Rahmen ihrer leitliniengerechten Tumorbehandlung. Diese sogenannte „NATUM-Sprechstunde“ ist seit Mitte 2018 zertifiziert und erfährt großes Interesse (siehe Kasten). Im Interview gibt Frau Dr. Braun Einblicke, welche Maßnahmen sie ihren Patientinnen empfiehlt.

 

Worin besteht Ihre Motivation zur Umsetzung integrativer Medizin?

Es ist mein persönliches und berufliches Ziel, integrative Medizin zu leben und zu verbreiten, denn sie ermöglicht nicht nur ein sinnvolles Nebenwirkungsmanagement, sondern ist meiner Meinung nach notwendig, weil sie im Umkehrschluss auch den Umgang mit schulmedizinischen Maßnahmen verbessert: Patienten, welche z.B. nicht durch eine krebsbedingte Müdigkeit isoliert sind, nehmen eher Chemotherapie- oder Kontrolltermine wahr – nicht zuletzt, weil sie als „Rückendeckung“ wissen, wie sie Nebenwirkungen selbst in den Griff bekommen können.

 

Ist integrative Medizin auch ohne Heilungsaussicht hilfreich?

Auch denjenigen Patienten, welche nicht geheilt werden können, bietet die integrative Medizin zusätzlich zur unabdingbaren Schulmedizin die große Chance, trotzdem noch Herr bzw. Frau ihrer Entscheidungen zu sein, weil sie aktiver werden und damit selbständiger handeln können. Den Erfolg integrativer Medizin zeigen Beispiele von Tumorzentren in den USA oder Indien, wo sie schon ein selbstverständlicher Behandlungsbestandteil ist. Ich empfinde es als meine ärztliche und menschliche Verantwortung, anderen Menschen nach bestem Wissen zu helfen. Und das Wissen um die Vielschichtigkeit des Menschen erfordert seine ganzheitliche Behandlung.

 

Was bietet Ihre Sprechstunde für Patient und Behandler?

In unsere Sprechstunde kommen Patientinnen aus Abteilungen unserer Klinik ebenso wie von außerhalb. Die Onkologen bzw. wir als gynäkologische Onkologen steuern die Tumortherapie, während unsere

integrative Therapie dafür sorgt, dass die Nebenwirkungen geringer ausfallen und ein weitgehend „normaler“ Lebensstil möglich ist. Hierbei arbeiten wir Hand in Hand.

Meiner Meinung nach ist das A und O vor jeglicher Behandlungsplanung ein ganzheitlicher Blick auf den Patienten, welcher sich auf jeden Lebensbereich bezieht. Was sonst aus zeitlichen Gründen oft im laufenden Ambulanzbetrieb nicht möglich ist, erbringen wir in der zeitlich breiter gefassten Sprechstunde mittels detaillierter Fragebögen für jede Patientin: Neben der Begutachtung des Tumors werden auch andere Lebensbereiche abgefragt, welche sonst nicht unbedingt Beachtung finden. Für die ganzheitliche Therapie während und nach der Krebserkrankung ist dies aber sehr wichtig. Das beinhaltet zum Beispiel den Schlafrhythmus, die Ernährung, das soziale Umfeld, Probleme in der Sexualanamnese oder psychische Vorbelastungen.

Abgestimmt auf die jeweils vorherrschenden Probleme (Temperaturempfindlichkeit, Schlafprobleme, Schmerzen) entwickeln wir gemeinsam mit der Patientin ein integratives Behandlungskonzept, das wir in regelmäßigen Abständen anpassen. Entsprechend variabel gestaltet sich die Behandlungsempfehlung.

 

Welche Maßnahmen sind wichtig?

Einige grundlegende Maßnahmen gehören fast immer dazu: Die Kombination aus Ausdauer- und Kraftsport, Ernährungsempfehlungen und Entspannungsmaßnahmen (je nach Neigung zum Beispiel TaiChi, Traumreisen, Meditation). Oft verweise ich auf das Angebot der Psychoonkologie in unserem Haus. Zu den weiteren Maßnahmen gehören Naturheilverfahren, Homöopathie, Anthroposophische Medizin mit der Misteltherapie, Ayurveda, Traditionelle Chinesische Medizin, orthomolekulare Medizin, Physiotherapie, Hydrotherapie mit Kneipp´schen Anwendungen, Paar- oder Sexualtherapie.

 

Welche Rolle spielt die Misteltherapie?

Für mich war die Misteltherapie von Anfang an Teil eines integrativen Behandlungskonzepts. Ich war überrascht, wie häufig die Misteltherapie von den Patientinnen angesprochen wird und habe den Eindruck, dass viele die Therapie wünschen. Gründe gegen eine Misteltherapie von Seiten der Patientinnen sind z. B. Angst vor Spritzen (Mistelpräparate werden zwei- bis dreimal wöchentlich unter die Haut gespritzt) oder wenn die Patientin es als zu anstrengend empfindet, neben der Chemotherapie ein weiteres Therapiekonzept in ihren Alltag einzubauen. Der überwiegende Teil unserer Patientinnen empfindet die Misteltherapie als effektiv.

 

Wann empfehlen Sie die Misteltherapie?

Wenn unsere Indikationsstellung mit dem Patientenwunsch übereinstimmt und die Patientin über die Handhabung und Erstattungsmöglichkeiten informiert ist, empfehle ich die Misteltherapie individuell, von der Diagnosestellung, während Chemo-, Hormontherapie oder Bestrahlung bis zur Rezidivprophylaxe (die Gesamtheit aller medizinischen Maßnahmen zur Abwendung eines Wiederauftretens der Erkrankung).

 

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Misteltherapie?

Unsere Erfahrungen mit der Misteltherapie sind sehr gut – vor allem nach einer Chemotherapie erfahren die Patientinnen eine Grundstabilisierung bezüglich Stimmung, Tagesrhythmus und Körpertemperatur. Die Frauen berichteten, dass sie sich „normaler“ fühlen, teils wie vor der Erkrankung. Das erscheint nicht bahnbrechend, doch ich bewerte diesen Aspekt als überaus positiv: Gerade in dieser Zeit brauchen die Patientinnen das Gefühl, dass in ihrem Leben wieder ein Stück Normalität einkehrt.

So viele Lebensbereiche bekommen durch die Tumordiagnose und -therapie Risse, oft geht das Vertrauen in den Körper verloren. Dank der Misteltherapie empfinden sich die Patientinnen nicht mehr als so „krank“, sie unterwerfen sich nicht fremdgesteuert einer Behandlung, sondern gestalten ihre Therapie aktiv mit. Die Misteltherapie kann das als mögliches Nebenwirkungsspektrum bestehende Gefühl des Ausgeliefertseins während einer Krebserkrankung beenden, gerade wenn eine krebsbedingte Müdigkeit jegliche Aktivität lahmlegt. Die Frauen finden wieder Halt auf eigenen Füßen.

 

Wie sehen Sie die Zukunft integrativer Medizin?

Der wachsende Markt vermeintlich hilfreicher Mittelchen verdeutlicht das enorme Interesse an zusätzlichen Maßnahmen – doch viele „Heilversprechen“ rechtfertigen die Patientenerwartungen und -ausgaben nicht. Ziel für mich ist somit, dieses Patienteninteresse in ein sinnvolles onkologisches Konzept mit geprüften integrativ-medizinischen Maßnahmen einzubetten. Ich erhoffe mir hiervon Sicherheit für Patienten und Ärzte als positiven Beitrag zur Gesundheitsökonomie durch bessere Behandlungsergebnisse. Einige Kliniken sind schon beste Beispiele dafür.

 

Die NATUM e.V. (Naturheilkunde, Komplementärmedizin, Akupunktur und Umweltmedizin in der Frauenheilkunde) ist ein eigenständiger wissenschaftlicher Verein in der DGGG e.V. (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) mit dem Ziel, Patientinnen eine alternativmedizinische Beratung im Rahmen einer ganzheitlichen onkologischen Behandlung zuteilwerden zu lassen.

 

Dr. med. Eva-Marie Braun

Universitätsklinikum des Saarlandes

Klinik für Frauenheilkunde, Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin

Kirrberger Straße 100, 66421 Homburg

Eva-marie.braun@uks.eu

 

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